Tierärztliche Gemeinschaftspraxis und Praxis für Verhaltenstherapie Dr. med. vet. Iris Schulte Dr. med. vet. Ronald Lindner Zusatzbezeichnung Tierverhaltenstherapie Tel:  0341 / 3584660 Mobil: 0175 / 3800352 Öffentlichkeitsarbeit / Diskussionen Qualzucht – Tierschutzrelevante Krankheitsdispositionen bei  ausgewählten Hunderassen unter dem Einfluss von Rassestandards  und Zuchtordnungen: Was bedeutet Qualzucht? Welche gesetzlichen  Bestimmungen gelten?  Als Qualzüchtungen bezeichnet man Tiere, welche mit Merkmalen gezüchtet werden, die mit  Schmerzen, Leiden oder Schäden (auch Verhaltensstörungen) einhergehen bzw. einhergehen  können (fördern oder dulden). Sie stellen einen Verstoß gegen geltende gesetzliche  Bestimmungen dar (nach §11b des dt. Tierschutzgesetzes Verbot von Qualzucht bei  Wirbeltieren).   Das Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft spezifizierte in  einem Gutachten vom 02.06.1999 das Verbot von Qualzüchtungen lt. dt. TSG § 11b, indem nach  einer genaueren Definition Qualzucht dann gegeben ist, wenn „....bei Wirbeltieren, die durch  Zucht geförderten oder die geduldeten Merkmalsausbildungen (Form-, Farb-, Leistungs- und  Verhaltensmerkmale) zu Minderleistungen bezüglich Selbstaufbau, Selbsterhaltung und  Fortpflanzung führen und sich in züchtungsbedingten morphologischen und / oder  physiologischen Veränderungen oder Verhaltensstörungen äußern, die mit Schmerzen, Leiden  oder Schäden verbunden sind“. Ziel des Gutachtens ist das vitale, gesunde, schmerz- und  leidensfreie Tier.  Direkt zu krankhaften Zuständen führen Formulierungen in Zuchtordnungen,   1. die einen weitgehend haarlosen Hund fordern (Chinesischer Nackthund)  2. die einen „Apfelkopf“ mit offener Fontanelle (Chihuahua) fordern  3. die fordern, dass das „Rot“ der Lidbindehäute deutlich zu sehen ist = Ektropium = nach  außen gewölbte Lidränder (Basset, Bloodhound)  4. die eine extrem kurze, aufgebogene Nase fordern = Atembehinderung (engl. + frz.  Bulldogge, Pekingese)  5. die eine starke Faltenbildung fordern = Hautentzündungen = Intertrigo + Trichiasis  (Wimpern reiben auf Hornhaut durch sich einrollende Lidränder = Entropium) (engl.  + frz. Bulldogge, Mops, Pekingese, Basset, Bloodhound,u.a.)  6. die große, tief ansetzende Ohren oder starke Behaarung der Ohren fordern =  Entzündung des äußeren Gehörganges = Otitis externa (engl. + amerik. Cocker  Spaniel, Basset, Beagle, Bloodhound, Pudel, Shi Tzu)  7. die eine steilgestellte Hinterhand fordern = Hintergliedmaßen werden überbeansprucht  (Chow Chow)  8. die große, hervorstehende Augen fordern = anfälliger für Verletzungen (frz. Bulldogge,  Mops, Pekingese, Shi Tzu, Chihuahua)  9. die einen zum Körper unpassend großen Kopf fordern = erhöhte Gefahr von  Schwergeburten (engl. + frz. Bulldogge, Pekingese, Shi Tzu)  10. die eine von Geburt an kurze Rute vorschreiben = Verstümmelung der WS (engl. + frz.  Bulldogge)  Beispiele aus der Liste der betroffenen Merkmale bei Hunden:  1. Blue-dog-Syndrom = Blauer-Dobermann-Syndrom: Blaugraue Farbaufhellung (Pigmentmangel-Syndrom) mit Disposition zur Haarlosigkeit  und Hautentzündung in Verbindung mit einer Nebennierenschädigung (Dobermann,  Dogge, Greyhound, Irish Setter, Teckel, Yorkshire Terrier)  2. Zwergwuchs = Chondrodysplasie Verkürzung der Röhrenknochen und der Gliedmaßen (Basset, frz. Bulldogge,  Pekingese, Scottish Terrier)  3. Verstümmelung der Schwanzwirbelsäule + Brachy- und Anurie Verkürzung der Schwanzwirbelsäule, Stummelschwanz mit Missbildungen weiterer  Wirbelsäulenbereiche + darunter liegender RM-Abschnitte mit Bewegungsstörungen,  Harn- und Kot-Inkontinenz (frz. + engl. Bulldogge, Mops, Teckel, Bobtail, Cocker  Spaniel, Rottweiler)  4. Haarlosigkeit Häufig verbunden mit schwerwiegenden Gebissanomalien, fehlenden Zähnen,  klimatischen Adaptationsstörungen, Hautempfindlichkeit – Sonne, Allergien,  Verletzungen (Nackthunde)  5. Brachyzephalie/Brachygnathie Runder, breiter Schädel, Rundkopf, Verkürzung von Kiefer- und Nasenknochen mit  Folgen von Schwergeburten, Stenosen in den Nasen+Nasennebenhöhlen und  verlängertem Gaumen führen zu Atemschwierigkeiten, zu Schluckbeschwerden und zu  Störungen der Thermoregulation, ausgeprägter Vorbiss führt zu mangelnder  Gebissfunktion (Boxer, Bulldoggen, Chihuahua, Mops, Shi Tzu, Yorkshire Terrier)  6. Ektropium (auswärts gerollte untere Lidränder)  Unvollständiger Lidschluss führt zu Tränenfluss, Lidbindehaut-entzündungen und  Hornhautdefekten (Basset, Bernhardiner, Bulldoggen, Bloodhound, Cocker Spaniel,  Neufundländer, Shar Pei)  7. Entropium (einwärts gerollte untere oder obere Lidränder)  Wimpern reiben auf Hornhaut durch sich einrollende Lidränder, führt zu Tränenfluss,  Lidbindehautentzündungen und Hornhautdefekten (Bullterrier, Rottweiler, Pudel, Chow-  Chow, Sennenhund, Shar Pei)  8. übermäßige Hautfaltenbildung führt häufig zu Hautentzündungen und bei brachycephalen Rassen zu  Hornhautentzündungen durch vermehrtes Reiben (Pekingese, Basset, Bloodhound,  Shar Pei)  9. Hüftgelenksdysplasie Mangelhafte Ausbildung des Hüftgelenks, Gelenk wird instabil, Osteoarthrose und  Schmerzen sind die Folge (Bernhardiner, dt. Dogge, DSH, Leonberger, Mastiff,  Neufundländer, Rottweiler, Retriever, u.a.  10. Merlesyndrom Depigmentierung mit variablen Sinnesorgandefekten, 50-100% depigmentierte Haut,  Anomalien an Augen und Ohren, eingeschränkte Seh- und Hörfähigkeit, Störungen des  Gleichgewichtsorgans und der Reproduktion, Sterblichkeitsrate bis knapp 50 %  (Bobtail, Collie, dt. Dogge, Sheltie, Teckel, u.a.)  Schlussfolgerungen: Züchterische Standards müssen klar und eindeutig formuliert werden und bestehende  Formulierungen, die zu Krankheiten führen könnten, müssen geändert werden!  Erbkrankheiten müssen statistisch lückenlos erfasst werden!  Käufer, Züchter und Zuchtvereine müssen stärker über die Probleme von rassebedingten  Erkrankungen informiert werden!  Verstöße von Seiten der Züchter gegen geltende Rechtsgrundlagen müssen vom  Gesetzgeber mit Reglementierungen und ggfls. Zuchtverboten geahndet werden!  Ausblick: Derzeit sind folgende Rassen hoch gefährdet lt. TSchG § 11b mit einem Zuchtverbot belegt zu  werden: alle Nackthunde, alle Merle-Gen-Farbschläge, engl. + frz. Bulldogge, Chow-Chow,  Basset, Bloodhound, Chihuahua, Mops, Pekingese, Mastino Napoletano  Kritik am Gutachten des Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und  Landwirtschaft vom 02.06.1999 zum Verbot von Qualzüchtungen – „Hypertrophie des  Aggressionsverhaltens“ und Rassedisposition bestimmter Rassen zu einem genetisch  bedingten gesteigerten Aggressionsverhalten – „Kampfhundeproblematik“: Wie bereits in zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen verifiziert, kann aufgrund einer  bestimmten Rassezugehörigkeit keineswegs auf eine Gefährlichkeit des Hundes geschlossen  werden. Frau Dr. FEDDERSEN-PETERSEN, Frau Dr. E. SCHALKE, Frau Dr. A. MITTMANN,  Prof. H: HACKBARTH und viele andere internationale Wissenschaftler konnten nachweisen, dass  es keinerlei Rassedisposition für gestörtes oder inadäquat aggressives Verhalten gibt. In  einer Studie über die Problematik von Wesenstests an der Tä. Hochschule Hannover konnte  sogar beim häufig auf den Rasselisten stehenden Bullterrier ein signifikant weniger häufiges  agonistisches Verhalten im Vergleich zu anderen Rassen festgestellt werden.  Die große Variabilität der Rassen und der damit verbundene Wegfall und die Reduzierung von  Ausdrucksmöglichkeiten in Folge bestimmter unbiologischer Rassestandards und  züchterischer Fehlentwicklungen (Kupieren von Ohren und Schwanz, Haarlosigkeit und  übermäßige Faltenbildung, etc.) führen zur verminderten Fähigkeit des Lesens und Zeigens von  mimischen und Körpersignalen und damit immer häufiger zu Kommunikationsschwierigkeiten  und Missverständnissen auch zwischen Mensch und Hund. Hunde verfügen im Gegensatz zu den Menschen über keine verbale Sprache als solche,  sondern besitzen ein sehr differenziertes und von der menschlichen Sprache stark  abweichendes Kommunikationssystem (taktil, olfaktorisch (geruchlich), optisch,  akustisch). Der adäquate Umgang mit Hunden durch Kennen, Beachten und Nutzen ihrer  angeborenen Ausdrucksformen führt zum Konvergieren des sprachlichen Systems des  Menschen mit dem nicht sprachlichen des Hundes (Feddersen-Petersen, 2004) und zur  Vermeidung der Vermenschlichung unserer Caniden. Literaturliste zum Thema: Qualzucht – fragwürdige Züchtungen  Feddersen-Petersen (!995): Ausdrucksverhalten beim Hund, Gustav-Fischer Verlag, Jena,  Stuttgart  Feddersen-Petersen (2004): Hundepsychologie, Sozialverhalten und Wesen, Kosmos-  Verlag, 496 S.  NMELF (2000): Hundeartige – artige Hunde?, Niedersächsisches Ministerium für  Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Hannover  Schöning, Hundeverhalten, Kosmos-Verlag, 2001, 124 S.   Gesetzesgrundlagen:  Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland vom 08/2002, Artikel 20a  Tierschutzgesetz vom 25. Mai 1998 in geltender Fassung (BGB 1 I S. 1105)  Gutachten des Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und  Landwirtschaft vom 02.06.1999 zum Verbot von Qualzüchtungen